Wenn ich die Schienen entlanglaufe, denke ich an die Viehwaggons und ihren apathisch leblosen Inhalt. Die Toten, die Kranken, die anderen, die noch lautlos atmen und deren Blicke wie Laserstrahlen durch die dreckigen Waggonwände hindurchgehen und in hoffnungslosem Nichts enden........ .
Wenn ich die Baracken hindurchlaufe und die Aufschriften anschaue, dann erwarte ich das Gebrüll irgendeines Aufsehers oder einer Aufseherin, die ihre Peitschen mit lockerer Hand schwingen. Wenn ich die hölzernen Liegeplätze betrachte, dann sehe ich sie, mit ihrem noch apathischeren Blick, geräuschlos atmend, müde von Arbeit und Leben. Dort drinnen mit ihnen, wo das verfaulte Stroh seinen Gestank ausbreitet, wie die Nacht ihre Dunkelheit, in der keine Kreatur, die früher mal ein Mensch gewesen war, zu sehen ist - mit ihrer an die Knochen angetrockneten Haut und ihren in tiefe Gräben gebetteten Augen, die auch einmal fähig gewesen sind, zu sehen.....
Wenn ich die Schienen entlang weiterschreite, höre ich ihre Stimmen. Sie schreien nach ihren Kindern, deren Ende bald gekommen ist, da das KZ-Lagerfeuer auf sie wartet... Kleinkinder und Babys werden zu Brennmitteln gemacht, und ihre Schreie verstummen, während die Flammen sich bis zum Himmel erheben. Da, an den Schienen, ist die deutsche Ordnung offenbar. Das Gebrüll dessen, der ein sauber gebügeltes Hemd und eine maßgerechte Hose anhat, dessen Mütze akkurat sitzt und dessen standesgemäß abgerichteter Schäferhund die Zähne fletscht und knurrend seinem Herrchen hilft, Ordnung zu schaffen! - und somit wird bald auch hier 'Ordnung' am Gleis. Professoren und Doktoren, die einmal Wissenschaften lehrten, hören zu, wie der da vorn im Takt mit der Lederpeitsche an seine glänzenden Stiefel schlägt. Er betrachtet die Geängstigten, jeden einzeln für sich. Für jeden hat er ein Wort! Er ruft nämlich jeder Frau wie auch jedem Mann - nachdem er ihre Brauchbarkeit ermessen hat - sein Urteil zu, "links" oder "rechts" - was nichts anderes heißt als "Leben" oder "Tod".
Das Urteil wird ausgesprochen, und zahlreiche Henkershelfer trennen die brauchbaren starken jungen Menschen von ihren unbrauchbaren Eltern, Großeltern, kleinen Geschwistern oder kranken und behinderten Familienangehörigen. Diese sind es nicht wert, ihnen Baracken zu bauen. Sie müssen gleich weg, und das Feuer im Krematorium ist angezündet. Ausziehen, und dann, Marsch! in geordnete Reihen! Die Zähne, Haare, Kleidung, Schuhe und Schmuck werden doch gebraucht im großdeutschen Reich!
Mein Herz wird eng. Wie soll ich weitergehen, dort, wo sie damals geschlichen sind? Entheilige ich den Boden, wo die Heiligen G''TTes in den Tod gingen? Wie ist es möglich, dass ich heute den Kamin des Krematoriums betrachte und es mich überrascht, dass kein weißgrauer Rauch aus ihm zum Himmel steigt!? Ich laufe weiter, immer weiter und bleibe doch an manchen Baracken stehen. Und dann will ich den damals mit Strom gefüllten Stacheldraht betrachten, wo so viele ihr Fluch-Urteil, leben zu müssen, selbst revidiert haben!
Warum bin ich da? Was suche ich hier? Bin ich eine, die Euch, die hier liegen, trösten will, oder eine, die von Euch Trost erwartet? Bin ich eine, die bereit ist, für Euch weiterzuleben, oder die von Euch, die Ihr alle Demütigungen, alles Schlagen und Morden Eures Leibes, Eurer Seele und Eures Geistes hinter Euch habt, Kraft holt, um so wie Ihr die Zeit überleben zu können? Nein! Ich mache keinen Spott aus Eurem Leben! Ich will nur lernen, mich wie ein Schaf in den Händen seines Scherers zu verhalten, der dann auch zum Schlächter werden kann. Ich will von Euch lernen, die Ihr in den See als Fischfutter, in die Erde als Dünger oder in den Fluss von hier entkommen seid, und einige Teile von Euch schwammen sogar zu Hause vorbei...
Oh, dass die Mörder nur gelernt hätten, der Mörder Werkzeug abzulegen und nicht ihre Waffen wetzen würden - erneut zu neuer Schinderei! Sie lügen ja und wollen uns, die noch übrig sind, zu einem Frieden zwingen, den sie nicht kennen, sie wollen uns zwingen, zu vergeben und Euch zu verraten!
Wie könnte ich schreien, sie anbrüllen: Wir wollen mit euch, die ihr uns zum Vergessen zwingen wollt, keine Kameradschaft, weil wir eure Kameraden doch nicht sind. Schaut uns an!
Wo sind die, die den Mut haben, zu leben? Das Leben Eures Lebens! Euer Leben zu leben bedeutet, dass man bereit ist, so zu leben und zu sterben, wie Ihr es tatet. Leben im Gestern, im Heute und im Morgen. Sterben gestern, heute und morgen! Leben heißt aber fließen. Fließen heißt, nicht bei der gestrigen Nichtigkeit hängen zu bleiben, heute darunter zu klagen - und morgen anzuklagen, sondern Verantwortung zu tragen für das Leben!
Sie verstehen uns nicht, o G''TT. Sie verstehen ja nicht einmal mich, obwohl ich doch DIR versprach, dazwischenzustehen und zu vermitteln. Vermitteln zwischen DIR und den Menschen, zwischen den Toten und den Überlebenden, zwischen den DEINigen und ihren Peinigern. Ich lebe unser Wesen, HERR, das DU DEINem Volk gabst, ich lebe, um da zu wohnen mit denen, die die DEINigen ermordeten und morden, wenn auch zur Zeit nicht an ihrem Leib.... Ich bin als ihr Staatsbürger eingetragen, und ich lernte ihre Sprache, um mich mit ihnen zu verständigen, sie zu ermahnen, ihnen zu schreiben, sie zurückzureißen...
Die Kinder derer, die DU, HERR, dem Feuer entrissen hast und die in der Gebärmutter, durch die Zeugung ihres Vaters, nicht nur zu Embryos, sondern zu Mahnmalen gemacht worden sind: die dunkle Nacht von drinnen begleitete sie nach draußen, und sie sind doch so bemüht, diesen Zustand zu erhalten! ...wenn sie aus ihren Augen die Schmiere des Selbstbetrugs wischen würden, so könnten sie hier nicht mehr weiterleben oder hier bleiben!
Unsere Eltern - ja, unsere Erzeuger sind es, die wir noch nie lebendig erlebten. Sie verloren sich damals in ihren überfüllten Waggons zwischen Toten und Sterbenden oder im Lager auf ihren überfüllten Pritschen zwischen Arbeit, Appell oder dunkler Nacht, als der süßliche Geruch ihrer Lieben sich verbreitete und deren feiner Staub des Todes sich auf sie niederließ. Oder auf dem Todesmarsch entfloh ihre Seele dem Leib.
Ich schau mich um, 50 Jahre danach und bedenke, wie es ist - war - und wieder sein wird! Da sehe ich jene, die, um sich zu beweisen, dass sie 'leben', sich an die Stätte ihrer Peinigung hinzwangen. Ich sehe auch die anderen, die sich weigerten, hinzugehen, um sich nicht damit zu konfrontieren, dass sie noch niemals weggegangen sind von dort, damals…
Jetzt sind wir alle wieder hier vereint. Die staubgewordenen Leichen, die lebenden Toten, die jetzt, 50 Jahre danach, noch auf ihren Füßen herumlaufen - und wir, die wir tot geboren wurden.
Ich sitze hier bewegungslos, aber in mir eile ich und haste! Schreie Euch zu: Bitte, wacht auf! Bitte, bitte, wacht auf! Verweigern wir doch nicht das Leben, da G''TT uns dies gegeben hat, und kein Volk, kein Land und keine feindlichen Massen uns dies nehmen können. Rufen wir doch G''TT an, unseren Vater, der uns erwählte vor allen Völkern! Lassen wir uns lebendig machen von IHM, der uns das Leben gab!
Aber ich denke an Euch, und mein Gesicht verzerrt sich, da meine Seele anschwillt von einem Übermaß an Gefühlen, die in mir aufbrechen... Mein Schmerz und meine Liebe zu Euch, meine Ehrfurcht und Liebe zu G''TT bäumen sich auf, und meine hilflose Wut wächst wegen des Stolzes, des Hochmuts, des ständigen Gedemütigtwerdens und der Peinigung von Euch, gegenüber meinem G''TT und meinem Volk.
Was machen sie denn mit Euch? Sie halten so genannte 'Gottesdienste', obwohl sie DICH, HERR, DU G''TT ISRAELS, der DU ewig und alleinig bist, gar nicht kennen. Sie ehren die Plätze, wo sie Euch ermordeten, aber Ihr seid für sie nicht da, weil sie das Gras, unter welchem Ihr die Erde gedüngt habt, ihrem Vieh verfüttert und dann ihre Kühe und Schweine gegessen haben. Sie aßen auch den Fisch, dem Ihr zum Futter geworden seid. Sie nahmen Euch so in sich auf, aber ihre Seele nahm es nicht wahr. Sie drehten sich um ihre Wehwehchen, um Euch zu vergessen.
Jetzt, auf dem großen Appellplatz, wird von Politikern behauptet, dass Ihr nie vergessen werdet - aber von denen, die jetzt dastehen: wie viele denken da an Euch, wie Ihr denn die Stunden in Kälte oder Hitze, in Schnee oder Regen ausgehalten habt? Sie stehen jetzt hier - und denken nicht daran: wie viele sind wohl in Ohnmacht gefallen, haben sich die Füße hier erfroren, haben sich krank gestanden... Sie stehen hier und achten darauf, dass ihre Trauermienen gut aufgesetzt sind, dass die Journalisten ihre klugen Reden festhalten (weshalb die Reden lange zuvor aufgeschrieben wurden und, so verteilt, kann man besser die Stellen vermerken, wo man zustimmen oder klatschen sollte!) Sie zeigen Betroffenheit, da die Bilder wichtig sind für die in- und ausländische Presse.
Wo sind aber auch die, die nichts gehört, gesehen, gerochen haben, obwohl der süßliche Geruch Eures Fleisches vor ihren Häusern nicht halt gemacht hat? Mein G''TT, wo sind die, die sie töteten? Es waren doch mehr als die knapp 100 Verurteilten! Oder hat die Kirche das Recht für diese Welt? Sie sagen, dass sie mit Jesus auf Golgatha gestorben und somit von ihren Sünden frei seien...! Sind die Millionen von SS-Leuten, von der Wehrmacht, von Aufsehern, Kommandanten und HJ-Anhängern mit Hitler denn verstorben und hätten deshalb nicht mehr für ihre Taten Verantwortung zu tragen?
HERR, dessen bin ich sicher, dass die Feinde DEINem gerechten Urteil nicht entgehen werden, genauso wie die wenigen aus den Völkern DEIN Lob bekommen werden, die den DEINigen geholfen haben - dann, wenn DU kommen wirst, DEIN Volk zu befreien.
Jetzt aber ist es Zeit, dass wir wieder hoffen, weil die Zeit, - die DU uns verkünden ließest, - nicht mehr allzu weit entfernt ist.
O HERR, unser G''TT, gib uns Kraft, dass wir doch jetzt nicht verzagen, sondern den Endspurt wagen, um zu tun, was DU aufgetragen hast. Ich weiß, dass ich alles tun will, um DIR, HERR, und den DEINigen zu dienen, bis einmal der Hass derer, die DICH, HERR, und uns, die DEINen, hassen, erreicht und ich mich mit Euch, die ermordet sind, vereine und mit Euch sehnsuchtsvoll weiterwarte auf DICH, HERR, G''TT ISRAELS, unser VATER, auf DEINen Schalom !
Anfang Mai 1995